I AM ME AM ME

Ausstellungstext von Alexander Koch, September 2021

Da ist wohl Manches, das die Nach-Corona-Zeit uns zeigen wird. Das Trivialste, das wir alle schon wissen: die Digitalisierung unseres Lebens hat einen Satz nach vorne gemacht. Das ist gut. Jedoch... – 

Ana P. Buehner zeigt uns, dass die Sache mit der Digitalisierung weder trivial ist, noch Gegenstand einer schnellen Bewertung sein kann, ob nun lobend oder kritisch, denn sie zeichnet voraus, wie anders wir leben, wie anders wir sein werden oder sein könnten, im Denken, im Fühlen und im Handeln. Bis hinein in die Weise unserer geschlechtlichen Existenz. 

     

Die jüngsten Bilder der gebürtigen Berlinerin entstanden zunächst am Rechner und wurden dann in Malerei übertragen. Wobei sich diese Übertragung der Frage stellte, die sich viele von uns stellen: Wo verläuft heute – und wo morgen – die Grenze zwischen uns, die Haut und Augen und ein Hirn, und auch einen Eros haben, und den Operationen in Siziliziumchips und Glasfaserkabeln, die wir auch längst sind? Was sind die Übergänge zwischen unserer real existierenden Sinnlichkeit und unserer ebenso real existierenden Virtualität und Datenhaftigkeit, zumal unter den Vorzeichen von Technologien wie VR-Umwelten, die den ganzen Wahrnehmungsapparat ergreifen und unseren sozialen und sinnlichen Interaktionen noch ganz neue Räume und Realitäten, ja Seinsweisen eröffnen werden.

 

Buehners Bilder scheinen uns einen überraschenden Vorschlag zu machen: Sie stellen das Körperlich-Sinnliche nicht in Opposition zum Digitalen, sondern begreifen beides als gelebte Interaktionen, in denen wir Teil dessen sind, was uns umgibt und berührt, und das wir berühren. Und sie fragen sich, und uns, wie dieses neue Beziehungsgebilde aus Fleisch und elektronischer Kalkulation unsere Wahrnehmung des eigenen Körpers und der eigenen Sinne in Beziehung zu anderen Körpern und deren Sinnen verändert. Ihre Malerei weiß um die Verschiedenheit der Oberflächen, auf denen sich digitales und körperliches Erleben ereignet und unserer Wahrnehmung darbietet, und sie erarbeitet eine körperliche Welt, in der die Malerei, die per se rein sinnliche Oberfläche ist, gleichermaßen in ihren Formen und Farben digitalen Körpern entspringen kann und sich zugleich in einer eigenen, nur der Malerei möglichen, Körperlichkeit abspielt.

 

In Konsequenz stellen die Bilder uns Fragen danach, wie sich das Sinnliche des eigenen Lebens und der eigenen Beziehungsfähigkeit so bejahen lässt, dass es mit neueren und sicher auch noch kommenden, heute unbekannten Technologien zusammenhängen kann, vielleicht verschränken kann. Verschmelzen? Wo bin ich, wo beginnst Du, und wo begegnen wir uns? 

 

Das zu beantworten wird immer verzwickter, je weiter wir uns – nicht allein durch Digitalisierung – heraus bewegen aus dem, was uns als gegebene und unverrückbare Körperlichkeit erschienen sein mag, die vermeintlich unsere intime Heimat sei. Ist das noch so? Können wir noch klar sagen, wo, als wer, und mit welchem Körper wir im Gefüge der Verhältnisse stehen, die uns bestimmen und die mitzubestimmen wir versuchen?   

 

Das gesagte mag abstrakt klingen. Aber mir scheint, dass es in Buehners Bildern eben darum geht. Dass wir in  früheren Schaffensphasen Bilder der Künstlerin finden, die unverhohlen explizit auf den sexuellen, erotischen Körper zugehen (und ihn bejahen), scheint mir ganz im Einklang zu sein mit der sich im Werkverlauf entwickelnden Frage, woran sich unsere Sinne im Erleben der Welt und des Selbst noch halten können in verwirrenden Zeiten – an den eigenen Körper zum Beispiel, den zu erkunden Buehner bildwürdig macht und dabei nicht so sehr das visuelle als vielmehr das taktile Erleben zu malen scheint. 

 

In ihren Video-Animationen werden wir dann noch einmal überrascht. Dort sehen wir digitale „Wesen“, die Buehner selbst entwickelt und programmiert, und die die „Protagonisten“ ihrer Bilder sind. So ergibt sich ein Gesamtbild in dem es so scheint, als habe sich die Malerin von der physischen Präsenz realer Leiber gelöst, die Jahrhundertelang dem reichen Genre der Akt- und Nacktdarstellungen als Vorlage dienten, und sie durch digitale und selbstgenerierte Avatare ersetzt, denen der Pinsel Leben, Fühlbarkeit, Zartheit einhaucht.       

Alexander Koch, September 2021